Tarif- und Besoldungsrunde öffentlicher Dienst Bund und Kommunen 2020

ver.di erwartet Angebot der Arbeitgeber

Kämpferischer Auftakt der zweiten Verhandlungsrunde in Potsdam

Potsdam Verhandlung Kay Herschelmann Potsdam ÖD  – Potsdam Verhandlung

Aus Köln, Korbach und Kassel, aber auch aus zahlreichen anderen Orten waren Kolleg*innen nach Potsdam zum Auftakt der zweiten Verhandlungsrunde im öffentlichen Dienst gekommen. Sie stehen hier für die 2,3 Millionen Beschäftigen von Bund und Kommunen, für die ver.di an diesem Wochenende hier verhandelt.
Empört sind sie, aufgewühlt. Als „Unverschämtheit“ bezeichnet Andreas Greggersen das bisherige Verhalten der Arbeitgeber. Er arbeitet bei den Sozialbetrieben Köln, ist am Vorabend mit einigen Kolleg*innen sechs Stunden nach Potsdam gereist. Anerkennung erwartet er. Geld dafür sei genug vorhanden, für die Automobilindustrie, für andere Branchen. Aber für diejenigen, die im Frühjahr soviel Applaus und Anerkennung bekommen haben, soll es jetzt nicht mehr reichen? „Das ist respektlos, eine Frechheit“, sagt Greggersen, seine Kollegen nicken.
Der Verhandlungsführer, der ver.di-Vorsitzende Frank Werneke, spricht von einer „besonderen Tarifrunde“: „Die Arbeitgeber sind in diesem Jahr steil unterwegs und leider unter kollektivem Gedächtnisschwund.“ Sie hätten wohl keine Erinnerung mehr an die Leistungen der Kolleg*innen im Frühjahr. „Nicht gekündigt ist genug gelobt“, sei jetzt das Motto der Arbeitgeber, aber das sei mit den Gewerkschaften nicht zu machen. Sie fordern eine angemessen Lohnentwicklung. 4,8 Prozent, mindestens aber 150 Euro pro Monat mehr, bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Azubis und Praktikant*innen sollen 100 Euro im Monat mehr bekommen.

 

Für die zweite Verhandlungsrunde erwartet der ver.di-Vorsitzende Bewegung durch ein Angebot der Arbeitgeber, auf dessen Basis man reden könne. Für Taktiererei und Versuche, die Verhandlungen in die Länge zu ziehen, habe er kein Verständnis. Um den Verhandelnden Schwung zu geben, ist auch Gadaer Alzeregaoui nach Potsdam gekommen. Sie ist Mitglieder der Tarifkommission der ver.di Jugend und arbeitet am Klinikum Kassel. Der bisherige Verhandlungsverlauf macht sie sprachlos, vor allem von der Politik ist sie enttäuscht. Im Frühjahr beklatscht, heute bedeutungslos? Sie hofft, dass die Arbeitgeber in dieser Runde endlich verstehen, was los ist.
Wertschätzung über eine Tariferhöhung erwartet auch Annette Boldt. Sie arbeitet am Krankenhaus in Korbach. Schon ohne Corona sei die Belastung hoch. Aber am 13. März, dem Tag, an dem die Bundesregierung weitreichende Maßnahmen gegen die Pandemie angekündigt hat, hätten die Beschäftigten von jetzt auf gleich ihr Privatleben umorganisiert, um in dieser Situation für alle Eventualitäten bereit zu sein. „Das macht was mit Familien, das macht was mit den Menschen“, sagt sie. Dass sie dafür jetzt mit einem Danke abgespeist werden sollen, macht sie „richtig wütend“.

 

Im Vorfeld der zweiten Runde hatte es Gespräche an zwei so genannten Tischen gegeben, zum einen für die Sparkassen, zum anderen für das Gesundheitswesen. Die stellvertretende ver.di-Vorsitzende Christine Behle berichtete, dass die Arbeitgeber zum Ausdruck gebracht hätten, dass sie von den Sparkassen-Beschäftigten Opfer erwarten. Bei den Gesprächen für die Beschäftigten im Gesundheitswesen hätten die Arbeitgeber Verbesserungen von der Finanzierung durch Politik und Krankenkassen abhängig gemacht. Stur seien die Arbeitgeber vor allem bei Fragen rund um das Thema Entlastung geblieben.
Da gibt es noch viele offene Themen, bei denen die heute beginnende Verhandlungsrunde hoffentlich eine Annährung bringt. „Wir sind heute hier auch als Motivation für die Verhandler*innen“, sagt Hakim Zabivov vom Klinikum Kassel. Die Forderungen müssten aber auch in die Betriebe getragen werden. Die Stimmung vor Ort ist kämpferisch, war an diesem Morgen vor dem Verhandlungsgebäude immer wieder zu hören. Die Kolleg*innen vor Ort werden die angemessenen Antworten geben, wenn die Arbeitgeber sich weiter uneinsichtig und so wenig wertschätzend mit ihren Beschäftigten zeigen.
Am Vorabend der Verhandlungen hatte ver.di die Forderungen bereits in die Potsdamer Innenstadt getragen. Mit Schablonen und Sprühkreide schrieben sie Forderungen und Slogan auf die Straßen.