Tarif- und Besoldungsrunde öffentlicher Dienst Bund und Kommunen 2020

Rahel Schmidt, Sozialarbeiterin Kinder- und Jugendzentrum

Rahel Schmidt

„Was sich in dieser verrückten Phase mit Covid-19 und dem Shutdown abgebildet hat, hat mir in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit nochmal verstärkt gezeigt, wie wichtig es ist, vor allem die Kinder und Familien zu unterstützen, die ohnehin schon in belasteten Verhältnissen leben. Was ich schwierig finde, ist, dass oft der Aspekt der Teilhabe verloren geht, wie zum Beispiel beim Homeschooling. Die Schulen haben auf digitalen Unterricht, auf Schule zuhause umgestellt. Und da ist es herausfordernd, die Kinder und Jugendlichen am Ball zu halten, die nicht über eine notwendige Infrastruktur mit Laptops, Internetzugängen, Druckern, etc. verfügen.

Ich denke, dass in dieser Phase viele Kinder und Jugendliche abgehängt wurden und zukünftig Probleme haben werden, diese Defizite wieder aufzuholen. In dieser Phase war es uns sehr wichtig, die Kinder und Jugendlichen, Eltern und Familien zu unterstützen. Unsere Angebote gingen von Beratungsgesprächen, Onlinegruppenarbeit, Nachhilfe in Gruppenchats bis hin zum Ausdrucken von benötigtem Schulmaterial. Die Krise hat deutlich gezeigt, dass wir in unserer Gesellschaft ein Problem der Teilhabe haben. Wenn Kinder und Jugendliche nicht über die notwendigen Ressourcen verfügen, verlieren sie den Anschluss.
Unserer Berufsgruppe, also den Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern in der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, wird oft unterstellt, dass wir nur Freizeitbespaßung machen. Aber unsere Arbeit umfasst so viel mehr. Über kulturelle Bildung, Unterstützung bei schulischen Bedarfen, individueller Einzelfallhilfe oder das einfache Dasein für die Kinder und Jugendlichen sind Kernelemente unseres Alltags. Wie wir in der Corona-Phase erneut feststellen mussten, fällt unser Bereich jedoch oftmals hinten runter. Im Vergleich zu den Kolleginnen und Kollegen aus Kita, Schule oder Pflege wurden wir in der öffentlichen Diskussion fast gar nicht erwähnt. Auch notwendige Sicherheitsvorkehrungen für unseren Arbeitsalltag wie Schutzmasken, Desinfektionsmittel oder Sicherheitskonzepte haben wir erst sehr spät bekommen. Das war anfänglich ein Zustand großer Unsicherheit und Verwirrung und hat sich nicht schön angefühlt, besonders weil wir auch in dieser kritischen Zeit für sehr viele Kinder und Familien wichtige Bezugspersonen gewesen sind.

"Wir sind nicht nur in Krisenzeiten sondern auch in Alltagsbereichen unverzichtbar"

Rahel Schmidt

Und das sind wir generell. Wir bieten Kindern und Jugendlichen Möglichkeiten zur Teilhabe, erweitern ihre Horizonte, ermöglichen ihnen – die aus materiellen oder welchen Gründen auch immer nicht teilhaben können – gewisse Dinge, um an der Gesellschaft teilhaben zu können. Das ist der Kern unserer Arbeit.
Da wir mit Kindern aus prekären Familien arbeiten, bleibt oft auch das Gefühl zurück, gegen Windmühlen anzusteuern. Oft ist es auch ernüchternd, wie unsere anderen Systeme sind, wenn etwa Schulen diesen Kindern einfach den Stempel Problemfall aufdrücken. Unser größtes Problem aber ist, dass unsere Arbeit nicht wirklich gewürdigt, sondern eher abgewertet wird. Mich nervt die Arroganz und Unkenntnis vieler Menschen, die nicht wissen, was Soziale Arbeit wirklich bedeutet. Unsere Professionalität wird oft nicht gesehen. Nach wie vor besteht die Illusion, dass Ehrenamtliche oder Eltern auch unsere Arbeit machen könnten. Wir sind nicht nur in Krisenzeiten sondern auch in Alltagsbereichen unverzichtbar.

Und erschreckend ist doch, dass erst jetzt erkannt worden ist, dass all die Berufe, die das Land am Laufen gehalten haben, oft die am schlechtesten bezahlten Berufe sind. Was mich persönlich betrifft, geht das mit der Bezahlung noch. Ich lebe alleine und habe keine Kinder.

Aber ich lebe in Mainz, einer Stadt die zu den Top Ten zählt, was die Mietpreise angeht. Steigende Mieten und Lebenskosten müssten zu einem simultanen Anstieg der Gehälter führen, dies ist aber nicht so. Das erzeugt auf jeden Fall Unzufriedenheit und macht Angst vor der Zukunft. Ich habe eine volle Stelle und mit der bin ich auch richtig eingruppiert, aber problematisch ist, dass ich kaum Aufstiegsmöglichkeiten mehr habe. Das ist für ein 40 Jahre anhaltendes Arbeitsleben eine ernüchternde Aussicht. Da ich aus einer Jugendeinrichtung mit einer bewegten Streikkultur komme – bei uns sind fast alle in der Gewerkschaft – werde ich mich auch in dieser Tarifrunde für eine bessere Zukunft einsetzen, und für mehr Anerkennung.“